Mitmachausstellung im Museum

Schüler des evangelischen Schulzentrums haben Flüchtlinge, Vertriebene, Spätaussiedler und Gastarbeiter gefragt, wie sie in Hilden eine neue Heimat gefunden haben. Anhand von Erinnerungsstücken ihrer Gesprächspartner erzählen die Jugendlichen nun spannende Lebensgeschichten.

aus Rheinische Post vom 30.05.2008 von Silke Schirmer


2008-05-30-Migration1Die Schüler haben die Ausstellungstücke selbst zusammengetragen: (v.l.) Nelly Grünwald, Juschka Schiffer, Jule Rüsberg, David Weil, Gail C. Baker und Anne-Kathrin Biegler. Foto: Anja Tinter
Sie hatte kaum etwas, was sie von dem Geschirr essen konnte, das sie sicher auf der Flucht von Eisenach bewahrten. „Doch an dem Geschirr ihrer Oma hingen für die Frau so viele Erinnerungen, dass sie ihre Mutter bekniete, es mitnehmen zu dürfen. Heute ist es unvollständig, aber für sie mehr wert als alles neu Gekaufte", erzählt Schülerin Juschka Schiffer. Juschka hat gemeinsam mit fünf weiteren Schülern des Evangelischen Schulzentrums Hilden nicht nur die berührende Geschichte der Frau zu erzählen, die dieses Geschirr ihr Leben lang gehütet hat. In Kooperation mit der AWO Hilden und dem Stadtarchiv haben sie seit September 2007 die ganz persönlichen Geschichten von Flüchtlingen, Vertriebenen, Spätaussiedlern und so genannten Gastarbeitern zusammengetragen. Die Ergebnisse sind ab Sonntag, 1.Juni, in der Ausstellung „In Hilden angekommen" im Wilhelm-Fabry-Museum zu sehen.

Juschka Schiffer befestigt gerade noch mit Mitschülerin Jule Rüsberg die letzten Klebezettel an einer Schautafel. „Was ist Heimat?" Diese Frage stellen die Hildener Schüler den Ausstellungsbesuchern. Denn sie haben sich ganz bewusst für eine Mitmach-Ausstellung entschieden. „Wir haben die Antworten unserer Interviewpartner auf die Frage aufgeschrieben und posten sie als Anreiz auf die weiße Fläche. So bekommen alle Besucher einen Anstoß, über ihre Heimat nachzudenken", erklärt Jule Rüsberg . „Heimat ist erblich": Dies ist auf einem der Zettel zu lesen, der handgeschrieben ist. Tiefen Einblick in seine Familiengeschichte gewährt dieser Interviewpartner den Schülern: „Meine Kinder sind hier zu Hause. Sie wissen, wir kommen aus Sibirien."

2008-05-30-Migration2Erinnerung an ein deutsch-türkisches Sommerfest in Hilden. Foto: Stadtarchiv HIlden Im Wohnzimmer ihrer Interviewpartner und auch bei Gesprächen in ihrer Schule haben die sechs Schüler aus der zehnten und elften Klasse die Gedanken ihrer Interviewpartner festgehalten. „Unheimlich gefasst und sachlich hat uns die Besitzerin des Geschirrs aus ihrem Leben erzählt. Andere wiederum wurden während des Gesprächs sehr traurig, weil auch schlimme Erinnerungen hochkommen", sagt David Weil. Tanja Leberer, Sozialpädagogin des Internats, und Stadtarchivar Dr. Wolfgang Antweiler hatten zuvor mit ihnen Eckpunkte des Interviews erarbeitet. Die Gesprächspartner haben den Jugendlichen die AWO vermittelt, die regelmäßig zu Hildener Erzählrunden einlädt, die türkisch-islamische Gemeinde und das Amt für Integration.

„Wenn eine Frau berichtet, dass auf der Flucht ihr Kind gestorben ist, fehlen einem einfach die Worte. Den Moment kennt auch jeder Erwachsene", erklärt Leberer. Sie hat vor allem eines begeistert: „Die Jugendlichen gehen heute völlig unverkrampft mit dem Begriff Heimat um. Ihnen stellt sich zum Beispiel nicht automatisch die Schuldfrage, wenn sie über Vertreibung sprechen. Das ist ein Riesenschritt in die richtige Richtung, weil der einzelne Mensch ganz in den Mittelpunkt rückt."

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