Einen Art „Literarischen Salon“ richtet der Hildener Deutschlehrer und Rezitator Gerhard Ferenschild ab dem 12. April im Wilhelm-Fabry-Museum ein. Über vier Jahre will er Thomas Manns kompletten „Zauberberg“ lesen - einen Zeitroman von ungebrochener Aktualität.
aus: RP vom 28.03.2011 von Stefanie Mergehenn

Ferenschild_RPGerhard Ferenschild liest den „Zauberberg“. Inhalt: Der junge Ingenieur Hans Castorp möchte seinen Vetter Joachim Ziemßen für drei Wochen in Davos besuchen, doch aus dem geplanten Kurzaufenthalt im Sanatorium der Schweizer Alpen werden sieben Jahre, die erst mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges ein abruptes Ende nehmen. Foto: Olaf StaschikHans Castorp war sieben Jahre auf dem „Zauberberg“, Gerhard Ferenschild braucht nur vier, um seine Erlebnisse zu schildern: Ab dem 12. April liest der Hildener Rezitator einmal im Monat im Fassraum des Fabry-Museums aus Thomas Manns großem Zeitroman. RP-Redakteurin Stefanie Mergehenn sprach mit ihm über die Lesereise als vielseitiges Wellness-Angebot.

Herr Ferenschild, wie kam es zu der Idee, sich über einen Zeitraum von vier Jahren vor Publikum durch den „Zauberberg“ zu lesen?
Ferenschild Die Idee habe ich von einem Rezitator aus Frankfurt übernommen, der über 13 Jahre Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gelesen hat. Mit Museumsleiter Dr. Antweiler hatte ich im Rahmen des Fabry-Jahres zusammengearbeitet, und als er mich nach Ideen für eine Lesung fragte, fiel mir dieses Projekt ein.
Es ist aber nicht Ihre erste Thomas-Mann-Lesung, oder?
Ferenschild Nein, in der Hildener Stadtbücherei rezitiere ich ja seit 1998 regelmäßig - darunter auch aus frühen Mann-Novellen oder aus „Lotte in Weimar“. Dann allerdings, indem ich die Werke oder einzelne Kapitel auswendig lerne. Das ist bei einem 1000-Seiten-Roman natürlich nicht möglich.
Warum lesen Sie dann ausgerechnet den „Zauberberg“?
Ferenschild Seine Themen sind Gesundheit und Krankheit, Eros und Thanatos sowie Zeitlichkeit und Vergänglichkeit. Könnte es dafür eine bessere „Location“ geben als ein medizinhistorisches Museum?
Thomas Mann hat ja bereits 1913 mit dem Schreiben des „Zauberberg“ begonnen, ihn aber erst 1924 beendet. Was macht den Roman heute noch (zu-)hörenswert?
Ferenschild Er ist heute aktueller denn je. Wir leben doch in einer kranken Zeit, in der alles immer schneller gehen muss - siehe G 8, was meiner Meinung nach eine Überforderung unserer Kinder ist. Deshalb habe ich die geplante Rezitation auch als „Lesung für Geduldige“ bezeichnet. Indem ich häppchenweise über vier Jahre einmal im Monat eine Stunde lese und das Publikum - vielleicht bei einem Glas Wein - einfach nur genießen kann, trage ich zur Entschleunigung bei. Auch wenn die Zuhörer natürlich nicht, wie Manns Protagonist Hans Castorp, der Welt gänzlich abhanden kommen sollen . . .
Und der komplexe Inhalt - und die typischen Mann'schen Schachtelsätze?
Ferenschild Das ist es ja gerade, was ich an Thomas Mann schätze: Wie er es schafft, sein teils angelesenes, teils vorhandenes Wissen über Medizin, Mythologie, Musik, Psychologie, Kunst und Literatur in eine ebenso packende wie humorvolle Rahmenhandlung zu packen. Seine Fähigkeit, Motive mal ironisch, mal spielerisch ineinander fließen zu lassen, ist für mich die hohe Kunst der Sprachmagie. Hinzu kommt, dass der „Zauberberg“ durch die parallel entstandenen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ ja auch ein Stück Zeitgeschichte darstellt - und Thomas Manns Entwicklung aufzeigt, politisch Verantwortung zu übernehmen.
Sie sind seit 2005 Lehrer für Deutsch und Philosophie am Bonhoeffer-Gymnasium. Wollen Sie vorwiegend Schüler mit der Lesung erreichen?
Ferenschild Nein! Die Lesung hat ja - obwohl ich im Anschluss immer ein Gespräch anbiete - keinen didaktischen Anspruch, sondern soll primär unterhalten. Natürlich mache ich auch Werbung in der Oberstufe, aber kommen darf jeder. Ich erhoffe mir ein Stammpublikum von vielleicht 15 Literatur-Liebhabern jeden Alters.
Und wenn anfangs nur einer kommt?
Ferenschild Dann lese ich trotzdem - und mache mir spätestens nach vier Einheiten neue Gedanken über das Konzept. Ich hoffe aber, dass ich im Gegenteil Roman-Unkundige dazu animieren kann, sich etwas intensiver mit dem „Zauberberg“ auseinander zu setzen.
Es darf also auch selbst vor- oder nachgelesen werden?
Ferenschild Unbedingt. Vielleicht kann das Museum die etwa 25 bis 30 Seiten, die ich pro Abend lese, numerisch auf der Website auflisten*, damit diejenigen, die mal nicht können, auch nichts verpassen.

 

* Das Wilhelm-Fabry-Museum greift diese Anregung gerne auf und wird die jeweiligen Seitenzahlen der Lesungen unter 'Ankündigungen' veröffentlichen.


„Zauberberg“-Lesung

Was Gerhard Ferenschild liest den kompletten Roman „Der Zauberberg“ von Thomas Mann.

Wann Ab dem 12. April an jedem zweiten Dienstag im Monat ab 19.30 Uhr (bis auf die Schulferien).

Wo Im Wilhelm-Fabry-Museum, Benrather Straße 32 a, Hilden.

Wie Gerhard Ferenschild wird ungefähr eine Stunde lesen und danach die Möglichkeit zum Gespräch anbieten. Das ganze Projekt ist auf vier Jahre angesetzt, endet somit exakt 100 Jahre nach Ende der fiktiven Romanhandlung und 90 Jahren nach Erscheinen.

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