Aus: Erich Hintzsche, Guilelmus Fabricius Hildanus 1560-1634.

Am 30. Juli hatte Fabry in Genf geheiratet. Seine Frau Marie war die Tochter des Genfer Buchdruckers Eustache Colinet, der wahrscheinlich von Lyon nach Genf gezogen war. Wer je einen Blick in Fabrys Schriften warf, wird ihrem Namen begegnet sein. Stets sprach Fabry in höchst liebevollen und anerkennenden Worten von "seiner Hausfrau". Ganz offensichtlich hatten sich zwei Menschen zusammengefunden, die in den Grundzügen ihres Wesens harmonierten. Die Colinette, wie sie von Fabry genannt wurde, war gleich ihm tief religiös veranlagt. In der ihr gewidmeten Leichenpredigt auf Fabrys Mutter erinnerte der Pfarrer Johann Klee an die Jahre ihres Aufenthaltes in Hilden, wo sie der Verstorbenen stets ihre kindliche Ehrfurcht und Hochachtung erwiesen hätte. Für Fabry war sie nicht nur Frau und Mutter der Kinder, sondern die beste Lebensgefährtin, die er sich nur wünschen konnte. Sie interessierte sich für seine Tätigkeit, suchte selbst davon so viel wie irgend möglich zu verstehen, half in der wundärztlichen Praxis und hatte viel Verständnis für seine wissenschaftlichen Bestrebungen. Seinem Freundeskreis wurde sie bald bekannt, wie die vielen hin- und hergehenden Grüße in Briefen beweisen.

Man geht wohl nicht fehl zu sagen, dass Fabrys Frau überdurchschnittlich intelligent gewesen sein muß. Neben all ihrer Arbeit im Haushalt und bei der Kindererziehung hatte sie durch Hilfeleistung und wohl auch im Gespräch gute Kenntnisse in der Wundarznei erworben. Bei Abwesenheit ihres Mannes war sie nicht selten genötigt, diese auch unter schwierigen Umständen anzuwenden. Sie wagte sich an die Behandlung des Blasenleidens einer Schwangeren, wobei sie abführende Medikamente und Klistiere brauchte, dann harntreibende Mittel gab und schließlich die Freude hatte, die Patientin gesunden zu sehen. Ein anderes Mal führte sie die von ihrem Manne eingeleitete Behandlung eines Gebärmutter-Vorfalles zum guten Ende. Mehrfach richtete sie Knochenbrüche - auch offene - und Verrenkungen ganz lege artis ein. Einmal entfernte sie unter Assistenz ihres Sohnes Peter ein Knochenstück aus der Speiseröhre; ein anderes Mal gelang es ihr, einen lange bestehenden Bruch zu reponieren, doch starb die Frau infolge der schon eingetretenen Darmgangrän. Später wurde sie zu einer Spezialistin in der Geburtshilfe. Da sie von den Hebammen gewöhnlich erst in verzweifelten Fällen beigezogen wurde, hatte sie vorwiegend mit der Ausziehung toter Kinder zu tun. Die dazu erforderlichen Kenntnisse erwarb sie von ihrem Mann. Dieser schrieb einmal, sie hätte bis zum Jahre 1623 über dreißigmal durch manuellen Eingriff tote Kinder zur Welt gebracht. Als das im Mai 1629 wieder einmal nötig war, und die Colinette dabei wegen der Enge der Geburtswege einen stumpfen Haken gebrauchte, wurde sie sehr bestaunt, denn das war bis dahin in Bern noch nicht vorgekommen.

Fabrys Frau war in ihrem medizinischen Denken aber nicht nur von seiner Unterweisung abhängig. Sie bewährte sich auch als ideenreiche Hilfe, wie die weit bekannt gewordene Geschichte von der Anwendung eines Magneten zum Ausziehen eines in die Cornea eingedrungenen Stahlsplitters zeigt. Fabry hatte sich mehrere Tage lang erfolglos bemüht, dies mit Hilfe feiner Instrumente zu erreichen, wobei ihm seine Frau assistierte.

 
Sie war es, die auf den Gedanken kam, die Extraktion mit einem Magnetstein zu versuchen. Fabry hielt dazu mit beiden Händen die Lidspalte geöffnet, während seine Frau den Magnetstein so nahe wie möglich an das Auge heranbrachte. Nach mehrmaligen Versuchen gelang es wirklich, den Splitter so zu entfernen.

Merkwürdigerweise begegneten sich die Interessen Fabrys mit denen seiner Frau auch auf einem ganz anderen Gebiet wieder. Beide schufen auf der Basis ihrer religiösen Weltanschauung umfangreiche Werke, in denen sie die Kritik an den Zuständen der damaligen Zeit übten. Die schriftstellerischen Leistungen der Marie Colinet sind erst durch die Bemühungen von Eugène Olivier bekannt geworden, dessen Angaben hier gefolgt wird. Etwa 1622 publizierte sie ein kleines Werk "Petit recueil de la Saincte Escriture", von dem bisher kein Exemplar mehr aufgefunden wurde. Der angeführte Titel ist aus ihrer zweiten Schrift bekannt, die 1638 in Genf erschien und bezeichnet wurde als "Alphabet nouveau et chretien pour les jeunes apprentifs, qui doresenavant commenceront d'aller en l'escole du S. Esprit". Dieses Buch umfasst 824 Seiten und ist noch zu Lebzeiten Wilhelm Fabrys abgeschlossen worden. Es richtet sich an die in die "Lehrzeit des Lebens" Eintretenden, denen sie als Führung im ersten Teil eine Zusammenfassung des Inhaltes der Bibel bietet. Daran anschließend folgen drei Meditationen aus einem Werk des Jenenser Professors Johann Gerhard, der als einer der ersten Pietisten gelten kann. Weiter nahm Marie Colinet Gebete zum Gebrauch für Kranke und deren Familien in ihr Buch auf. Eigene Meinungen werden auf den vielen Hundert Seiten des ersten Teils nicht vertreten, er beeindruckt vor allem durch die Inbrunst, mit der er geschrieben ist.

Gebräuchlicher ist der Inhalt der 180 Seiten des zweiten Teil, in dem Marie Colinet die Gebräuche der Juden den Sitten ihrer Zeit gegenüberstellt. Sie fragte: Wenn die Sünden der Juden ihnen so viele göttliche Züchtigungen verursacht haben, ist es dann nicht augenscheinlich, dass unsere Fehler zu dem gleichen Ergebnis führen werden? Ein jeder möge sich den Befehlen Gottes unterwerfen und ihnen gehorchen. Luxus der Tracht von den Haaren bis zu den Schuhen (man spürt das a capite ad calcem der alten Ärzte darin), Ausschweifungen aller Art und abergläubische Gebräuche bei Krankheiten rufen harte Bemerkungen der alten Dame hervor. Diese ungeheuren Sünden und teuflischen Verbindungen würden allen daran Beteiligten die Strafe des Himmels zuziehen. Dann schrieb sie von dem, was sie alle Tage um sich sah. Davon sind, noch immer nach Olivier zitiert, ein gut Teil Einzelheiten nicht ohne Interesse, wofür ein Beispiel dienen mag: Nach dem Luxus der Hauben und der Haartrachten befaßt sie sich mit der Mode, die Brüste frei zu tragen, was eine große Schande sei. - Alles also schon dagewesen! An anderer Stelle schrieb Olivier von der Colinette: "Als sie alt wurde, konnte sie sich nicht enthalten, Leute auszuschelten, die sich schlecht benahmen" - so etwas gab es also auch, und der Mensch ist nun einmal kein Engel, selbst wenn er es gerne wäre!



 

Marie Colinet-Fabry und die erste Magnetextraktion

Aus: Rheinische Splitter und Augenblicke, hrsg. von Marielene Putscher

Dem Internationalen Symposion der deutschen Ophthalmologen Gesellschaft-Köln 1976 gewidmet, S. 24-26

Das Rheinland hat einen Mann hervorgebracht, der von Karl Sudhoff als "der erste wirklich große deutsche Chirurg" bezeichnet wurde: Wilhelm Fabry wurde am 25. Juni 1560 in Hilden geboren. Neben Georg Bartisch (1535-1606) genießt er unter den deutschen Wundärzten und Okulisten auch auf dem Gebiet der Augenheilkunde den größten Nachruhm.

Unter seinen zahlreichen Berichten über geglückte Operationen finden sich drei am Auge, die er vornahm und auch beschrieben und abgebildet hat: die Heilung eines gespaltenen und die Lösung eines angewachsenen Lides sowie endlich die Exstirpation eines Augentumors. Diesen gefährlichen Eingriff probierte er zunächst an einem Kalbskopf aus, denn als guter Anatom kannte er die Zartheit der Knochen sowie den Gefäßreichtum der Orbita. Den exstirpierten Tumor hat er noch besonders zeichnen lassen.

Nach erfolgreicher Tätigkeit im rheinischen Gebiet um Köln und Düsseldorf ließ Guilelmus Fabricius Hildanus sich 1615 als Stadtwundarzt in Bern nieder. Aus dieser Zeit stammt auch seine originellste Leistung auf augenchirurgischem Gebiet: die Ausziehung eines Eisensplitters aus der Hornhaut mit Hilfe eines Magnetsteines im Jahre 1624. Dass die Idee zu diesem Eingriff jedoch von seiner Frau, Marie Colinet aus Genf, stammte, ist weitgehend unbekannt.

Fabry selbst hat bei vielen Gelegenheiten die Verdienste seiner Gattin hervorgehoben und sie auch in seinen "Observationes" gewürdigt. Die Observatio 21 der 5. Centurie trägt den Titel: "Wie ein Stückchen Stahl, welches in der Hornhaut festsaß, auf sehr kunstsinnige Weise aus dem Auge entfernt wurde." Sie ist in Form eines Briefes erhalten, der an seinen Vertrauten Johannes Hagenbach in Basel gerichtet ist. Nach einer längeren Vorrede über seine Tätigkeit als Wundarzt berichtet Fabry folgendes: Einem Bauern aus St. Mie am Bieler See war ein Stahlsplitter "in jenen Teil der Hornhaut, wo die Regenbogenhaut gesehen wird", gedrungen. Am 5. März 1624 konsultierte der Patient den damals schon berühmten Arzt, und entsprechend der zu seiner Zeit üblichen Behandlungsweise versuchte Fabry zunächst, mit Aderlaß, instrumentellem Eingriff und mit Arzneien den Fremdkörper zu extrahieren. Doch alles war wegen der Kleinheit des Splitters vergebens. "Da hat meine Ehefrau sich ein sehr geeignetes Mittel ausgedacht (en uxor mea remedium optissimum excogitat). Während ich nämlich mit beiden Händen die Augenlider öffnete, näherte sie einen Magneten mit dem Auge.....

Als wir diesen einige Male und zwar wiederholend zurückzogen......, ist das Stahlstückchen endlich aus dem Auge an den Stein gesprungen, während wir alle es sehen konnten." Er hat es also nicht verschwiegen, sondern selbst ganz eindeutig gesagt, dass seine Frau die eigentliche "Erfinderin" dieser neuen Technik in der Augenheilkunde war, die die Nachwelt ihm zuschreibt.

Es dürfte interessant sein zu erfahren, was über Marie Fabry-Colinet sonst noch bekannt ist. Sie war die Tochter des Buchdruckers Colinet in Genf. Dort hat Wilhelm Fabry sie am 30. Juli 1587 geheiratet. Er selbst hat "seine Hausfrau" in seinen Schriften immer wieder gewürdigt und sie anerkennend genannt, denn als Frau eines bekannten Arztes war oft sie diejenige, die in seiner Abwesenheit helfend eingreifen mußte.

 
Durch Assistenz in der Praxis Fabrys und durch Gespräche mit ihm erwarb sie sich solide Kenntnisse in der Heilkunde. So behandelte sie, wie wir hören, das Blasenleiden einer Schwangeren oder einen Gebärmutter-Vorfall. Sie wußte Knochenbrüche zu schienen. Einmal griff sie unter Assistenz ihres Sohnes Peter ein, als ein Patient mit einem Knochenstück in der Speiseröhre Fabry konsultierte. Auch als Geburtshelferin war sie erfolgreich tätig. Bis zum Jahre 1623 soll sie 30 - vorwiegend tote - Kinder mit manueller Hilfe zur Welt gebracht haben. Die Hebammen wurden in dieser Zeit meist sehr spät und in dann fast immer aussichtslosen Fällen zugezogen; daher die hohe Zahl der Toten. Sie machte weiter von sich reden, als sie im Mai 1623 bei einer Geburt erstmals wegen der Enge der Geburtswege einen stumpfen Haken gebrauchte.

Aber nicht nur auf dem Gebiet der Heilkunst ergänzte sich das Ehepaar Fabry vortrefflich; beide waren tief religiös, und ebenso wie Fabry betätigte sich auch Marie schriftstellerisch, sowohl auf medizinischem wie religiösem Gebiet. Das literarische Werk Marie Fabrys besteht aber keineswegs nur in ärztlicher oder geistlicher Lebenshilfe in Traktat-form. Eugène Olivier hat dies Gebiet ihres Schaffens erschlossen, und er berichtet zum Beispiel über ein etwa 1622 erschienenes Buch von Marie Fabry-Colinet, das den Titel hat: "Petit recueil de la Sainte Escriture", von dem jedoch bisher kein Exemplar gefunden werden konnte. Ein weiteres Werk hingegen ist erhalten: "Alphabet nouveau et chrestien pour les jeunes apprentifs, qui d'oresenauant commenceront d'aller en l'escole du S. Esprit" (Neues und christliches Alphabet für junge Schüler, die von Stund an beginnen wollen, in die Schule des Heiligen Geistes zu gehen). Das 824 Seiten starke Werk erschien 1638 in Genf.

Im ersten Teil der Schrift finden wir eine kurze Darstellung der biblischen Geschichte, es folgen Meditationen und Gebete für Kranke und deren Familien. Der interessanteste Teil des Buches sind die 180 Seiten, in denen die Verfasserin die jüdischen Sitten mit denen ihrer eigenen Zeitgenossen vergleicht. Mit diesen geht sie außerordentlich streng ins Gericht - so wie es ihrer religiösen Einstellung entsprach. Es finden sich auch Anklagen gegen Aberglauben, Hexenwahn und Wahrsagerei und immer wieder die Aufforderung, den Geboten Gottes zu folgen.

Dank dieser Selbstzeugnisse und anderer Hinweise - so zum Beispiel die Grabrede auf die Mutter Wilhelm Fabrys von Pfarrer Johannes Klee Sleidan im Jahre 1612, deren Vorrede Marie Colinet gewidmet ist - läßt sich ein recht gutes Bild dieser nicht unbedeutenden Frau nachzeichnen. Ausgehend von ihrem Einfall der Magnetextraktion wurde diese Technik im 18. und 19. Jahrhundert mit Permanentmagneten und dem von Julius Hirschberg eingeführten Elektromagneten weitergeführt, und heute sind Hand- und Riesenmagneten selbstverständliches Requisit in jedem Operationssaal. Mit Tatkraft setzte sich Marie Colinet für die Arbeit ihres Mannes ein, an der sie aktiven Anteil nahm - und mit selbstverständlicher Bescheidenheit trat sie hinter ihm zurück. Sein Ruhm ist bis heute erhalten. Auf den Marie Colinet gebührenden Anteil hinzuweisen, war das Bestreben dieser Würdigung.