Marie Colinet-Fabry und die erste Magnetextraktion

Aus: Rheinische Splitter und Augenblicke, hrsg. von Marielene Putscher

Dem Internationalen Symposion der deutschen Ophthalmologen Gesellschaft-Köln 1976 gewidmet, S. 24-26

Das Rheinland hat einen Mann hervorgebracht, der von Karl Sudhoff als "der erste wirklich große deutsche Chirurg" bezeichnet wurde: Wilhelm Fabry wurde am 25. Juni 1560 in Hilden geboren. Neben Georg Bartisch (1535-1606) genießt er unter den deutschen Wundärzten und Okulisten auch auf dem Gebiet der Augenheilkunde den größten Nachruhm.

Unter seinen zahlreichen Berichten über geglückte Operationen finden sich drei am Auge, die er vornahm und auch beschrieben und abgebildet hat: die Heilung eines gespaltenen und die Lösung eines angewachsenen Lides sowie endlich die Exstirpation eines Augentumors. Diesen gefährlichen Eingriff probierte er zunächst an einem Kalbskopf aus, denn als guter Anatom kannte er die Zartheit der Knochen sowie den Gefäßreichtum der Orbita. Den exstirpierten Tumor hat er noch besonders zeichnen lassen.

Nach erfolgreicher Tätigkeit im rheinischen Gebiet um Köln und Düsseldorf ließ Guilelmus Fabricius Hildanus sich 1615 als Stadtwundarzt in Bern nieder. Aus dieser Zeit stammt auch seine originellste Leistung auf augenchirurgischem Gebiet: die Ausziehung eines Eisensplitters aus der Hornhaut mit Hilfe eines Magnetsteines im Jahre 1624. Dass die Idee zu diesem Eingriff jedoch von seiner Frau, Marie Colinet aus Genf, stammte, ist weitgehend unbekannt.

Fabry selbst hat bei vielen Gelegenheiten die Verdienste seiner Gattin hervorgehoben und sie auch in seinen "Observationes" gewürdigt. Die Observatio 21 der 5. Centurie trägt den Titel: "Wie ein Stückchen Stahl, welches in der Hornhaut festsaß, auf sehr kunstsinnige Weise aus dem Auge entfernt wurde." Sie ist in Form eines Briefes erhalten, der an seinen Vertrauten Johannes Hagenbach in Basel gerichtet ist. Nach einer längeren Vorrede über seine Tätigkeit als Wundarzt berichtet Fabry folgendes: Einem Bauern aus St. Mie am Bieler See war ein Stahlsplitter "in jenen Teil der Hornhaut, wo die Regenbogenhaut gesehen wird", gedrungen. Am 5. März 1624 konsultierte der Patient den damals schon berühmten Arzt, und entsprechend der zu seiner Zeit üblichen Behandlungsweise versuchte Fabry zunächst, mit Aderlaß, instrumentellem Eingriff und mit Arzneien den Fremdkörper zu extrahieren. Doch alles war wegen der Kleinheit des Splitters vergebens. "Da hat meine Ehefrau sich ein sehr geeignetes Mittel ausgedacht (en uxor mea remedium optissimum excogitat). Während ich nämlich mit beiden Händen die Augenlider öffnete, näherte sie einen Magneten mit dem Auge.....

Als wir diesen einige Male und zwar wiederholend zurückzogen......, ist das Stahlstückchen endlich aus dem Auge an den Stein gesprungen, während wir alle es sehen konnten." Er hat es also nicht verschwiegen, sondern selbst ganz eindeutig gesagt, dass seine Frau die eigentliche "Erfinderin" dieser neuen Technik in der Augenheilkunde war, die die Nachwelt ihm zuschreibt.

Es dürfte interessant sein zu erfahren, was über Marie Fabry-Colinet sonst noch bekannt ist. Sie war die Tochter des Buchdruckers Colinet in Genf. Dort hat Wilhelm Fabry sie am 30. Juli 1587 geheiratet. Er selbst hat "seine Hausfrau" in seinen Schriften immer wieder gewürdigt und sie anerkennend genannt, denn als Frau eines bekannten Arztes war oft sie diejenige, die in seiner Abwesenheit helfend eingreifen mußte.

 
Durch Assistenz in der Praxis Fabrys und durch Gespräche mit ihm erwarb sie sich solide Kenntnisse in der Heilkunde. So behandelte sie, wie wir hören, das Blasenleiden einer Schwangeren oder einen Gebärmutter-Vorfall. Sie wußte Knochenbrüche zu schienen. Einmal griff sie unter Assistenz ihres Sohnes Peter ein, als ein Patient mit einem Knochenstück in der Speiseröhre Fabry konsultierte. Auch als Geburtshelferin war sie erfolgreich tätig. Bis zum Jahre 1623 soll sie 30 - vorwiegend tote - Kinder mit manueller Hilfe zur Welt gebracht haben. Die Hebammen wurden in dieser Zeit meist sehr spät und in dann fast immer aussichtslosen Fällen zugezogen; daher die hohe Zahl der Toten. Sie machte weiter von sich reden, als sie im Mai 1623 bei einer Geburt erstmals wegen der Enge der Geburtswege einen stumpfen Haken gebrauchte.

Aber nicht nur auf dem Gebiet der Heilkunst ergänzte sich das Ehepaar Fabry vortrefflich; beide waren tief religiös, und ebenso wie Fabry betätigte sich auch Marie schriftstellerisch, sowohl auf medizinischem wie religiösem Gebiet. Das literarische Werk Marie Fabrys besteht aber keineswegs nur in ärztlicher oder geistlicher Lebenshilfe in Traktat-form. Eugène Olivier hat dies Gebiet ihres Schaffens erschlossen, und er berichtet zum Beispiel über ein etwa 1622 erschienenes Buch von Marie Fabry-Colinet, das den Titel hat: "Petit recueil de la Sainte Escriture", von dem jedoch bisher kein Exemplar gefunden werden konnte. Ein weiteres Werk hingegen ist erhalten: "Alphabet nouveau et chrestien pour les jeunes apprentifs, qui d'oresenauant commenceront d'aller en l'escole du S. Esprit" (Neues und christliches Alphabet für junge Schüler, die von Stund an beginnen wollen, in die Schule des Heiligen Geistes zu gehen). Das 824 Seiten starke Werk erschien 1638 in Genf.

Im ersten Teil der Schrift finden wir eine kurze Darstellung der biblischen Geschichte, es folgen Meditationen und Gebete für Kranke und deren Familien. Der interessanteste Teil des Buches sind die 180 Seiten, in denen die Verfasserin die jüdischen Sitten mit denen ihrer eigenen Zeitgenossen vergleicht. Mit diesen geht sie außerordentlich streng ins Gericht - so wie es ihrer religiösen Einstellung entsprach. Es finden sich auch Anklagen gegen Aberglauben, Hexenwahn und Wahrsagerei und immer wieder die Aufforderung, den Geboten Gottes zu folgen.

Dank dieser Selbstzeugnisse und anderer Hinweise - so zum Beispiel die Grabrede auf die Mutter Wilhelm Fabrys von Pfarrer Johannes Klee Sleidan im Jahre 1612, deren Vorrede Marie Colinet gewidmet ist - läßt sich ein recht gutes Bild dieser nicht unbedeutenden Frau nachzeichnen. Ausgehend von ihrem Einfall der Magnetextraktion wurde diese Technik im 18. und 19. Jahrhundert mit Permanentmagneten und dem von Julius Hirschberg eingeführten Elektromagneten weitergeführt, und heute sind Hand- und Riesenmagneten selbstverständliches Requisit in jedem Operationssaal. Mit Tatkraft setzte sich Marie Colinet für die Arbeit ihres Mannes ein, an der sie aktiven Anteil nahm - und mit selbstverständlicher Bescheidenheit trat sie hinter ihm zurück. Sein Ruhm ist bis heute erhalten. Auf den Marie Colinet gebührenden Anteil hinzuweisen, war das Bestreben dieser Würdigung.