ANATOMIA CLAVIS ET CLAVUS MEDICINAEANATOMIA CLAVIS ET CLAVUS MEDICINAE

Aus: Erich Hintzsche, Guilelmus Fabricius Hildanus 1560-1634.

anatomie Die Anatomie ist Schlüssel und Steuerruder in der Medizin, ein Satz dem Fabry zu allen Zeiten nachlebte. Bild und Spruch dienten ihm zum Schmuck seines Buches “Anatomiae praestantia et utilitas”.
Symbolisch finden sie sich wieder auf dem Titelkupfer der lateinischen Gesamtausgabe der Werke Fabrys von 1646. Dort hält ein die Anatomie symbolisierendes entsetzlich falsch gezeichnetes Skelett Schlüssel und Steuerruder in den Händen. Trotzdem die Worte Clavis et Clavus medicinae darunter stehen, ist dazu in den Fabrystudien II eine andere Deutung gegeben; es heißt dort: Der Tod hält in seinen Händen Spaten und Schlüssel – er gräbt das Grab und öffnet die Pforte zum ewigen Leben. Das ist ganz schön ausgedacht, aber eben doch falsch interpretiert. Ein Blick in die “Vorrede an den Leser” hätte genügt, um diese abwegige Erklärung zu vermeiden.
In dem Lob der Anatomie wußte Fabry sich einig mit den besten Chirurgen, die er selbst kennen lernte oder von denen er noch sprechen hörte: Allen voran Andreas Vesal, “der vortreffliche Anatomicus und Wundarzt”, Ambroise Paré, “der hochberühmte scharfsinnige Wundarzt” und Erneuerer der französischen Chirurgie, ferner Pierre Franco, der geschickte Bruch- und Steinschneider in der Westschweiz; auch sein Lehrer Jean Griffon wäre hier zu nennen, dem man in Genf 1586 Gelegenheit gab, zur Vorbereitung auf schwierige Operationen spezielle anatomische Studien zu betreiben.
 
Wieder und wieder betonte Fabry, dass anatomisches Wissen die Grundlage jeder ärztlichen und insbesondere jeder sinnvollen chirurgischen Arbeit ist. Vor allem den angehenden Wundärzten legte er nahe, sich keine Gelegenheit zu anatomischen Beobachtungen entgehen zu lassen. Um seine Beharrlichkeit im Ermahnen zu verstehen, muß man sich in die Zeit zurückversetzen. Mit der 1543 erfolgten Publikation des Buches “De humani corporis fabrica libri septem” hatte Andreas Vesal bewiesen, dass die galenische Anatomie als Basis der wissenschaftlichen Medizin unzureichend ist. Man hatte bis dahin die bei der Präparation von Tieren erhobenen Befunde als auch für den Menschen gültig angesehen. Selbst nachdem im 14. Und 15. Jahrhundert schon einige Sektionen menschlicher Körper ausgeführt waren, berichteten die Lehrbücher der Anatomie noch immer von einer viellappigen Leber und einem siebenkammerigen Uterus. Eine mehr als 1200 Jahre alte Tradition zu überwinden erwies sich als außerordentlich schwierig. Manche Autoren äußerten sich, sie wollten lieber mit Galen irren als Anschluss bei den Neueren zu suchen; andere meinten, wenn die tatsächlichen Befunde nicht mit den galenischen Beschreibungen übereinstimmen, so müsse sich der menschliche Körper seit der Zeit Galens verändert haben. Hier galt es, ganz einfach konsequent zu sein und seinen Augen mehr zu trauen als den Büchern. Niemand war dazu besser berufen als die Chirurgen, hatten sie doch oft genug Gelegenheit, sich bei Verletzungen von der Richtigkeit der neuen anatomischen Beobachtungen zu überzeugen. Hemmend war, dass die akademisch gebildeten Ärzte mit wenigen Ausnahmen nicht selbst Hand anlegen wollten. Da sie alle ihre Kenntnisse durch das Studium von Büchern erwarben, wurden sie oft “Buchärzte” genannt; der Volksmund scheute selbst vor dem Namen “Maularzt” nicht zurück, wenn einer offenkundigen Tatsachen nur gelehrte Zitate entgegenzuhalten wußte.


Es ist wohl kein Zufall, dass an den Universitäten die Lehrstühle für Anatomie und Chirurgie meist miteinander verbunden waren. Selbst Vesal lehrte die Anatomie in Padua als Professor der Chirurgie, eine Kombination die noch weit in das 18. Jahrhundert hinein erhalten blieb. Fabry hatte das Glück, von Lehrmeistern ausgebildet zu werden, die dem Neuen gegenüber aufgeschlossen waren. Ihr Beispiel mußte ihn auf den rechten Weg führen. Früh wird er bemerkt haben, dass es zwei Richtungen anatomischer Untersuchungen gab. Die eine wollte die Veränderungen feststellen, die an den Organen bei gewissen Krankheiten vorkommen, um daraus Aufschluss über deren Ursachen zu gewinnen. Sie war also das, was heute Pathologische Anatomie heißt. Die andere Richtung diente dazu, den Chirurgen vor einer Operation mit den normal-anatomischen Befunden in der betreffenden Körperregion bekannt zu machen. Er sollte wissen, was er an Nerven, Blutgefäßen und Muskeln in seinem Operationsfeld zu erwarten hat. Ihn interessierte also das, was viel später erst Topographische Anatomie genannt wurde. Der Pathologe seziert, er führt eine Obduktion in relativ kurzer Zeit aus. Der Anatom dagegen präpariert, er stellt die einzelnen Gebilde dar, die sich nach Entfernung der Haut seinen Augen bieten; meist wird er etwas längere Zeit brauchen, bis er seinen Schülern ein instruktives Präparat vorweisen kann.
Fabry hat sowohl seziert als auch präpariert. Die erste von ihm ausgeführte Leichenöffnung diente einem besonderen Zweck. Sie betraf einen Herrn von Steinberg, den Cosmas Slot und Fabry 1582 etwa zwei Monate lang im Schloß Bodenberg behandelt hatten. Als Slot zurückberufen wurde, schaffte man den Patienten “auf einem hangenden Wagen” nach Düsseldorf, wo er schließlich doch noch an seiner anfänglich vernachlässigten Knieverletzung starb. Gegen Ende September 1582 wurde die Sektion dort als Vorbereitung zu einer Einbalsamierung ausgeführt.
 
Dass die dem Körper entnommenen Eingeweide dabei auch studiert wurden, ergibt sich aus der damals erwähnten Feststellung eines Gallensteins. Weitere Obduktionsbefunde finden sich vom Jahre 1585 ab aus Genf, Lausanne, Köln und Hilden. Einige davon werden im klinischen Teil im Zusammenhang mit den entsprechenden Erkrankungen erwähnt werden.

Mit normal-anatomischen Studien befasste sich Fabry im Winter 1595/96. Er untersuchte damals mehrfach die Ausbreitung des 5. Hirnnervenpaares beim Menschen, meinte damit allerdings nach der alten galenischen Zählung den N. facialis und den N. stato-acusticus. Seine damaligen Befunde sind indessen noch nicht recht überzeugend. Eigentliche anatomische Demonstrationen vor Studenten hielt Fabry erst 1596 in Lausanne ab. Er präparierte damals den Kopf eines Hingerichteten und zeigte daran die Verteilung der Blutgefäße. Am 26. März 1601 konnte er am gleichen Ort die Anatomie des ganzen menschlichen Körpers öffentlich vorweisen. Als Besonderheit fand er dabei eine linksseitige Nierenvenen-Verdopplung. Das Skelett präparierte er und setzte es dann zusammen. Er schenkt es im Jahre 1625 der Berner Stadtbibliothek.

Aus dem Interesse an der ärztlichen Praxis ergibt sich, dass viele der anatomischen Präparate Fabrys der Pathologie angehören. Das gilt speziell von der Knochenpathologie; die betreffenden Stücke stammen jedoch meistens von Gräberfunden und nicht von Obduktionen. Angeführt werden zum Beispiel in den Observationes Synostosen der im Ellbogengelenk zusammenstoßenden Knochen, knöcherne Verbindungen an Bruchstellen benachbarter Rippen, schlecht geheilte Brüche langer Röhrenknochen und mancherlei Exostosen.



Andere pathologische Befunde beziehen sich auf Mißbildungen, die ihm teils in der eigenen Praxis begegneten, teils von Freunden und Bekannten in natura oder doch wenigstens im Bilde zugesandt wurden. Meistens folgte er bei seinem Urteil über die Entstehung der Mißbildungen dem Geiste der Zeit. Er ließ sich leicht durch Erzählung irgendwelcher Vorfälle überzeugen, dass ein “Versehen” der Mutter vorläge. Hin und wieder kamen ihm aber doch leise Zweifel, ob diese Annahme stets berechtigt ist. Das gilt besonders vom Schreck bei Verletzungen der Mutter während der Schwangerschaft als Ursache von Mälern oder Mißbildungen des Kindes. Im Alter wagte Fabry jedoch, seinen früheren Schüler H. Schobinger in einem Brief vom 10. September 1631 zu fragen, ob denn tierische Mißbildungen auch auf “Imagination” zurückzuführen seien. Ihm selbst schien, es müsse dafür andere Ursachen geben, doch wich er einer Entscheidung aus und blieb bei Mutmaßungen. Immerhin ist dieser Zweifel ein Zeichen für Fabrys wissenschaftliche Denkweise.

Ein anderer sehr schöner Beleg für Fabrys exakt wissenschaftliche Einstellung ergab sich im Zusammenhang mit der Frage, ob der Rest des Urachus nach der Geburt ein Lumen habe oder nicht. Auf die Beschreibung eines bestimmten Falles hin entgegnete Fabry: “Aber von einem Beispiel allein kann man keinen Schluß ziehen, denn die Natur spielt manchmal und kehrt die Ordnung um”. Rein wissenschaftlich war auch seine Beschäftigung mit der vergleichenden Anatomie, denn irgendwelche für die ärztliche Praxis nützlichen Gesichtspunkte lassen sich dafür ja nicht anführen. Offenherzig gestand er P. Paauw in einem Brief, er fürchte, dass böswillige Leute die Zergliederung von Tieren als eine des Arztes unwürdige und nutzlose Sache verlachen könnten. Unbeirrt setzte er aber doch die vergleichend-anatomischen Studien fort. Sein Bericht über die Zergliederung eines Murmeltieres enthält zum Beispiel ganz modern anmutende Gedanken über Haarkleid und Fettmenge, über Darmlänge und den funktionellen Aufbau des Skeletts. Wissenschaftlich ist auch Fabrys anatomische Sammlung zu nennen. Er beschrieb sie in Briefen an den Anatomen Pieter Paauw in Leiden und druckte einen Katalog am Schluß der ersten Auflage seines Buches vom Nutzen der Anatomie ab. Besonders stolz war er auf ein mühsam anzufertigendes Präparat, die Compago viscerum et venarum. Zur Darstellung der Blutgefäßverteilung waren die erhaltenen Hohlorgane (Oesophagus, Magen und Duodenum, Gallenblase, Darmstücke und die Harnblase) mit Werg oder Baumwolle ausgestopft und getrocknet. Das Parenchym der Leber war durch leichte Mazeration entfernt, um die Gefäßaufspaltung im Innern des Organes zu zeigen. Größere Blutgefäße wie die V. cava inf. waren in natura erhalten und gleichfalls ausgestopft. Ihre kleineren Zweige hatte Fabry wohl in Anlehnung an eine Tafel Vesals aus lederumhüllten Kupferdrähten nachgebildet. Das Herz selbst war entfernt, seine Gefäße aber waren in dem ausgebreiteten Herzbeutel dargestellt. Dieser hing mit der Luftröhre und den Lungengefäßen zusammen, auch das Zwerchfell war erhalten. Kurzum, ein offenbar recht anschauliches Präparat, auf das denn auch in der wissenschaftlichen Literatur mehrfach hingewiesen wurde. Als sich Dr. H. Arnisaeus aus Genf nach der Methode der Gefäßdarstellung in parenchymatösen Organen erkundigte, gab ihm Fabry bereitwillig Auskunft. Er legte die Organe eine Stunde lang in warmes Wasser ein, klopfte sie dann mit einem Stecken und präparierte schließlich die noch an den Gefäßen hängenden Reste mit Messern und anderen geeigneten Instrumenten ab. Danach trocknete er die isolierten Blutgefäße langsam an einem schattigen Ort.

 
Außer vielen Präparaten zur Knochenpathologie enthielt Fabrys Sammlung eine Reihe von Skeletten verschiedener Tiere und vor allem auch des Menschen. Früher waren solche Skelette mit Hilfe von Darmsaiten zusammengesetzt worden. Fabry erfand eine neue Methode, bei der die einzelnen Knochen durch Messingdrähte miteinander verbunden wurden. Was er dabei an Dauerhaftigkeit gewann, mußte natürlich an Beweglichkeit der Teile verloren gehen. Im ganzen hat man von Fabry den Eindruck, dass er handwerklich sehr geschickt war. Er wagte sich sogar an die Herstellung von Augenmodellen, die ihm von Mal zu Mal besser gelangen. Sie zeigten äußerlich die Ansätze der Augenmuskeln und innerlich die Schichten des Bulbus oculi. Auch diese Modelle haben die Bewunderung der Zeitgenossen erregt. Vermutlich ist Fabry durch Bedürfnisse des Unterrichtes dazu gekommen, solche Präparate und Modelle anzufertigen.

Ziel anatomischer Studien war für Fabry vor allem, seine Kenntnisse vom Körperbau des Menschen zu erhalten und zu vermehren. Irgendwelche bedeutsame Beobachtungen sind von ihm nicht zu melden. Er freute sich aber, wenn er neu Beschriebenes wiederfand und es eventuell anderen zeigen konnte, denen diese Beobachtung noch nicht gelungen war. So ging es mit der Valvula ileocaecalis, die er nach Bauhins Beschreibung aufsuchte. Er konnte sie dann den Genfer Ärzten und später Pieter Paauw bei seinem Besuch in Leiden demonstrieren, der sie bis dahin noch nicht hatte finden können. Andererseits liebte es Fabry, wenn durchreisende Kollegen ihm noch unbekannt Gebliebenes vorführten. Eine solche Freude hatte er noch im Alter, als Christen Stougaard ihm die von Aselli entdeckten Chylusgefäße an einer jungen Ziege zeigte. Trotzdem die darüber erschienene Publikation in Mailand 1627 und in Basel 1628 herausgekommen war, hatte Fabry bis 1632 noch keine Kenntnis von dieser neuen, sehr wichtigen Beobachtung erhalten. Man sieht daraus, wie schwierig es damals für die Gelehrten war, die Fortschritte der Wissenschaft möglichst bald kennen zu lernen. Noch deutlicher wird das für einen anderen Fall, nämlich die Beschreibung des Blutkreislaufes. William Harveys “Exercitatio anatomica de motu cordis et sanguinis in animalibus” erschien 1628 in Frankfurt a.M. Fabry aber erfuhr bis zu seinem Tode nichts davon, sonst würde sich eine entsprechende Korrektur in der zweiten Auflage seines Buches vom Nutzen der Anatomie finden. Dabei waren die Verbindungen mit dieser bedeutenden Messestadt eher günstig, und Fabry hatte dort sogar gute Freunde wie Peter Uffenbach, mit dem er bis an sein Lebensende Briefe wechselte.

Hier ergibt sich ein Problem, das sich durch das ganze Werk Fabrys bemerkbar macht: In seinen anatomischen Vorstellungen war er als überzeugter Anhänger Vesals modern; seine physiologischen Kenntnisse aber waren galenisch, vielleicht ein wenig modifiziert durch das, was die Araber in die abendländische Medizin hineingetragen haben. Merkwürdig ist, dass diese Diskrepanz damals offenbar überhaupt nicht empfunden wurde. Man sollte doch erwarten, dass die erneuerte Anatomie starke Rückwirkung auf die physiologischen Ideen hätte haben müssen. Das war aber bis zum Auftreten Harveys nicht der Fall, und selbst seine Lehre mußte sich erst gegen erheblichen Widerstand durchsetzen. So kann man sagen, das Jahrhundert zwischen 1550 und 1650 war in der Medizin eine Übergangszeit. Da Wilhelm Fabrys Leben ganz in diese Periode fällt, darf sein Werk als typisch für diese Epoche gelten.