Placebo – Nocebo • Die Macht der Gedanken über unsere Gesundheit

Placebo – Nocebo •  Die Macht der Gedanken über unsere Gesundheit

Ort: Wilhelm-Fabry-Museum Hilden Benrather Straße 32, 40721 Hilden, Deutschland

Kategorien: Ausstellung

10. Themenausstellung im Wilhelm-Fabry-Museum

vom 25. Februar bis 12. Augsut 2018
Eintritt: 3,00 Euro, ermäßigt 1,50 Euro

 

Der Glaube kann Berge versetzen. Als im zweiten Weltkrieg das Morphium ausging, verabreichte der amerikanische Militärarzt Henry Beecher Soldaten einfache Kochsalzlösung. In der Erwartung, ein wirksames Medikament zu erhalten, ließ bei sehr vielen der gefühlte Schmerz nach, die Schmerztoleranz wurde verändert.
Das funktioniert. Nicht nur mit Infusionen, sondern auch mit Tabletten, die nur aus Milchzucker bestehen, und mit vollkommen wirkstofffreien Pillen. Am besten funktioniert es bei Kopfschmerz, Übelkeit und Schlafstörungen. Also bei Beschwerden, die objektiv schlecht messbar sind. Vielleicht haben Sie diesen Placebo-Effekt auch schon einmal selbst erlebt, aber wahrscheinlich eher unbewusst.
Die Kopfschmerztablette wirkt – weil auch in der Werbung so angekündigt – nach wenigen Minuten, obwohl der Wirkstoff noch gar nicht angekommen ist. Hauptsache, man glaubt an die Wirkung des Medikaments.
Welche Rolle spielen die Begleitumstände der Verabreichung? Wirkt das kommentarlos verabreichte Medikament genau wie die Pille, bei der Mut zugesprochen wird, die mit einer positiven Prognose („Es wird Ihnen sehr schnell besser gehen“) verabreicht wird? Spielt die Größe einer Tablette eine Rolle? Wird der großen eine stärkere Wirkung zugesprochen als einer kleinen? Spielen die tatsächlichen oder angeblichen Kosten eine Rolle?

In Studien wurde nachgewiesen, dass eine angeblich schmerzlindernde Salbe vielen Patienten hilft, selbst wenn es in Wahrheit nur ein wirkungsloses Gel ist, das sonst etwa für den Ultraschall verwendet wird. Eine Art selbsterfüllende Prophezeiung – wenn man erwartet, dass etwas passiert, dass eine Wirkung eintritt, und dann passiert es auch. Hoffnungen und Erwartungen regen die Produktion von Botenstoffen an.
Ja selbst bei Scheinoperationen, bei denen nur Schnitt und Naht ausgeführt wurden, konnte der Effekt beobachtet werden. Parkinson-Patienten, denen nur die Schädeldecke angebohrt wurde, verspürten im Bewusstsein, eine Frischzellenkur gemacht zu haben, deutliche Verbesserung ihrer Beschwerden.

Erwartungen können heilen. Aber Erwartungen können auch krank machen. Fehldiagnosen können Symptome hervorrufen oder verstärken. Und wer beim Lesen eines Beipackzettels denkt: Diese Nebenwirkungen sind ja schlimmer als meine Beschwerden. „Krieg‘ ich das jetzt alles?“, der wird - wenn er nicht schon aus Angst auf das Medikament verzichtet, nicht selten auch die angegebenen Symptome entwickeln.
Diesen Effekt nennt man in einer analogen Wortbildung zu Placebo „Nocebo“. Im Gespräch mit dem Arzt fallen manchmal Reizwörter wie Schmerz. Da hilft beim ängstlichen Patienten auch die Verneinung nicht. Der Patient hört zwar: „Das tut jetzt gar nicht weh.“ im Gehirn kommt aber an: „Tut weh“, und schon sind die Schmerzen da. Das aufklärende Vorbe-reitungsgespräch auf eine Operation mit dem Anästhesisten kann beruhigen, es kann aber auch Angst auslösen.

Aber: Ist das alles nur Einbildung? Warum geht es Menschen nach der Einnahme eines Scheinmedikaments besser? Warum wirkt ein Scheinmedikament in Verbindung mit einem bestimmten Geschmacksreiz oft genauso wie das ursprünglich in Verbindung mit diesem Geschmacksreiz verabreichte tatsächliche Medikament?
Welchen Einfluss haben Gedanken auf unser Befinden, auf unser Wohlbefinden, auf Symptome oder vielleicht sogar auf Krankheiten und ihren Verlauf?
Welche Rolle spielt die Einstellung des Patienten zu seiner Krankheit und deren Symptomen? Können Placebos in Zukunft Medikamente (teilweise) ersetzen? Angesichts von über 30 Milliarden jährlicher Kosten für Medikamente in der Bundesrepublik (zuletzt 2014) auch volkswirtschaftlich eine spannende Frage.
Wir sind also irgendwo an der Grenze zwischen Medizin und Psychologie. Wie erklären wir dieses „Nichts mit großer Wirkung“? Gibt es tatsächlich eine Schnittstelle im Gehirn, an der ein Gedanke einen biochemischen Prozess im Gehirn auslöst oder in einen solchen umgewandelt wird? Und wenn ja, muss das nicht zwangsläufig dazu führen, dass wir unser Gesundheitssystem überdenken?
Welche Rolle spielt die Kommunikation zwischen Arzt und Patient? Muss das vertrauens-volle Gespräch mit dem Arzt, mit der Ärztin, wieder ein stärkeres Gewicht erhalten? Nicht nur in der Zeit, sondern auch bei der Abrechnung?
Und muss nicht bereits vorher in der Arztausbildung das Patientengespräch einen höheren Stellenwert gegenüber der Apparatemedizin erhalten?

2018-02-25 11:00:00
2018-08-12 17:00:00