Gerhard Ferenschild liest „Holzfällen“ von Thomas Bernhard - 4

Gerhard Ferenschild liest „Holzfällen“ von Thomas Bernhard - 4

Ort: Fassraum des Wilhelm-Fabry-Museums Benrather Straße 32, 40721 Hilden, Deutschland

Kategorien: Lesung

Vierte von sechs Lesungen

12.12.2017 | 19.30 - 21.00 Uhr
Eintritt: Eintritt frei, um eine kleine Spende wird gebeten.

Gerhard FerenschildGerhard FerenschildThomas Bernhards (1932-1989) Roman „Holzfällen – Eine Erregung“ aus dem Jahr 1984 erzählt die Ereignisse bei einem künstlerischen Abendessen, das am Abend nach der Beerdigung einer Freundin, die in ihrem niederösterreichischen Heimatort Kilb Selbstmord begangen hat, in der Wiener Gentzgasse stattfindet und zu dem der Ich-Erzähler mit äußerst gemischten Gefühlen erscheint. Diesen wird er nicht ohne Selbstanklagen im Laufe des Romans vielschichtig und bissig, aber auch sehr komisch Ausdruck verleihen, indem er sowohl die Gastgeber als auch diverse Gäste und nicht zuletzt sich selbst schonungslosen und bisweilen ans Geschmacklose reichenden Bezichtigungslitaneien unterzieht. Dabei lässt der Erzähler die Ereignisse mehrerer Jahrzehnte Revue passieren und unternimmt tiefsinnige Beobachtungen der „Gesellschaftshölle“, deren schuldverstrickter Teilnehmer er ebenfalls immer selber ist. Ein weiteres Thema, auf das immer wieder eingegangen wird, ist der Selbstmord der Joana Thul, der auf realen Ereignissen basiert. Außerdem ist der Ehrengast des künstlerischen Abendessens ein berühmter Burgschauspieler, der spät erscheint und mit seinem Lob des einfachen Lebens, das in den Worten „Wald, Hochwald, Holzfällen“ gipfelt, dem Roman zum Titel verhilft, thematisch von Bedeutung, da er die Frage nach dem Leben als Theater personifiziert.

Das Buch wird zum Skandalon. Zehn Tage nach seiner Auslieferung am 21. August 1984 geht ein Eilantrag auf Beschlagnahme des Buchs, da dasselbe Persönlichkeitsrechte verletze, bei Gericht ein, dem stattgegeben wird. Der Roman wird daraufhin aus allen österreichischen Buchhandlungen entfernt. Doch wenige Monate später kommt es zu einer außergerichtlichen Einigung und das Buch dürfte wieder in den Handel. Doch Thomas Bernhard untersagt es seinem Verlag, noch irgendeines seiner Bücher in Österreich zu verkaufen.

Peter von Becker kommentierte in „Die Zeit“: „Der größte Tragiker der zeitgenössischen mitteleuropäischen Literatur ist auch ihr größter Komiker. Und am komischsten, wenngleich nicht immer lustigsten, sind Bernhards Schimpfpredigten.“

Rhythmus und Melodie kennzeichnen Bernhards Sprache und machen sie zu einem harmonischen Klangerlebnis. Elfriede Jelinek bemerkt kurz nach seinem Tod 1989: „Es ist ja kein Zufall, dass dieser Dichter ein Dichter des Sprechens (nicht des Schreibens) war. Die Erfahrung des in früher Jugend schon Lungenkranken hat ihm die großen Tiraden seines Werkes abgerungen: Ich spreche, also bin ich. ..., hat der ausgebildete Musiker eine eigene Technik der Wiederholung entwickelt, aber in rhythmischer Gliederung, ähnlich einer ununterbrochenen Sinusschwingung, deren musikalischer Gesetzmäßigkeit sich niemand entziehen konnte, selbst wenn alles schon hundertmal gesagt war. So hat die Erfahrung des zu wenig Luft Kriegens den wüsten flammenden Atem des um sein Leben Sprechenden erzeugt.“

Die Lesung schließt an Thomas Bernhards „Wittgensteins Neffe“ an und stellt ein bedeutendes Stück Literatur im passenden Rahmen des Wilhelm-Fabry-Museums vor.

Lesung aus: Thomas Bernhard, Holzfällen. Leserechte beim Suhrkamp Verlag, Berlin

2017-12-12 19:30:00
2017-12-12 21:00:00