Es ist eine Lesung für Geduldige: Noch bis zum 1. Juli kommenden Jahres liest Gerhard Ferenschild aus Thomas Mann vor.

aus Rheinische Port vom 17.12.2013 von Uli Schmidt

Auch Gerhard Ferenschild ist angekommen - auf Seite 788. 30 Seiten hat er gelesen. Für dieses Jahr ist nun Schluss mit dem „Zauberberg" von Thomas Mann. Die 15 Zuhörer im Fassraum des Fabry-Museums klebten förmlich an seinen Lippen, als der Mann im legeren Pulli und Karohemd sie in die exklusive Welt eines Lungensanatoriums der Schweizer Alpen bei Davos vor dem Ersten Weltkrieg entführte.

Gerhard Ferenschild ist beim „Zauberberg“ auf Seite 788 angelangt. Mit seiner lebendigen Vortragsweise vermag er seine Zuhörer zu fesseln. Foto: Olaf StaschikGerhard Ferenschild ist beim „Zauberberg“ auf Seite 788 angelangt. Mit seiner lebendigen Vortragsweise vermag er seine Zuhörer zu fesseln. Foto: Olaf StaschikNun sind die Sätze des 1955 gestorbenen Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann bekanntermaßen sehr lang. Seine Beschreibungen von Örtlichkeiten - und seien es nur Tischdekorationen - können sich über viele Leseminuten ziehen. Gleiches gilt für eingehende Studien der Gesichtszüge seines Romanpersonals. Gar nicht zur reden von intellektuellen Disputen, die unterschiedlich angelegte Charaktere über ganze Kapitel nicht nur über Gott und die Welt führen. Da fragt man sich als Leser schon mal: „Kommt er noch mal auf den Punkt?"

Als Zuhörer der auf vier Jahre angelegten „Lesereise" im Fabry-Museum will man überraschenderweise gar nicht mehr aussteigen. Und das ist sicher ein Verdienst des versierten Vorlesers. Gerhard Ferenschild ist zwar seit neun Jahren als Lehrer für Deutsch und Philosophie am hiesigen Bonhoeffer-Gymnasium im Team, blickt jedoch auf einen bewegten Lebenslauf zurück. Nach seinem Examen 1991 waren Referendariatsstellen rar. Er arbeitete in der Filmindustrie und im Einzelhandel. Gleichzeitig begeisterte er sich für Rezitationen, fand in Professor Wilhelm Pitsch einen versierten Sprechlehrer und begann mit seiner ausdrucksstarken Stimme auswendig gelernte Literatur in vielen deutschen Bibliotheken vorzutragen. Im Fabry-Jahr 2010 konnte Ferenschild nicht nur mit einem eigenen Programm glänzen, sondern auch für seine Idee „Lesung für Geduldige" Verantwortliche, allen voran Museumsdirektor Dr. Wolfgang Antweiler, begeistern. Schließlich spielt Manns berühmter Bildungsroman von 1924 in einer Lungenheilklinik und dreht sich thematisch um Krankheit und Gesundheit, menschliches Leben und Vergänglichkeit.

Seit dem 12. April 2011 hat der „Zauberberg" einen festen Platz im Museumsprogramm. Langweilig sei es nie, Thomas Mann zu lesen. „Deshalb freue ich mich auch nicht auf das Ende der Lesung nächstes Jahr im Sommer", bedauert Ferenschild. Themen und Sprache seien breit angelegt. Der berühmte deutsche Schriftsteller habe schon zur vorletzten Jahrhundertwende nichts verurteilt, sondern das Leben sehr offen beobachtet.

Reaktionen von Zuhörern wie: „Ich hätte nie gedacht, dass Mann mit so viel Humor schreibt", geben Ferenschild recht. Wer sich von ihm, der mit seinem fast schauspielerischen Können nur an einem einfachen Tisch sitzend das Kino im Kopf weckt, in eine andere Welt entführen lässt, kommt aus dem Lachen kaum raus. Und entdeckt beim Hinhören sogar semantische Tricks des Autors - etwa den nicht beendeten Satz - mit dem fernsehbekannte Comedians noch heute punkten.

Ferenschild: „Man muss sich auf die Sprache einlassen, und - ja! - Schüler tun sich heutzutage schwer mit langen Romanen." Im Deutschunterricht sei aber auch die epochale Entwicklung von Sprache als Teil unserer Kultur und unseres Denkens zu beachten, verteidigt der Lehrer den Autor. Mit dem Vortrag „Finis opris" auf Seite 984 am 1. Juli 2014 wird der Ausdauer-Vorleser vorerst seinen Schluss-Punkt setzen. Darüber herrscht jetzt schon Bedauern bei den Fans. Denn obwohl ein derartiges Langzeit-Projekt angesichts schneller Medien fast anachronistisch erscheint, wird „Mann mit Ferenschild" bestimmt noch im nächsten Jahr verzaubern.


„Der Zauberberg" im Fabry-Museum, eine Lesung für Geduldige. Termine für 2014: dienstags, 14. Januar, 11. Februar, 11. März, 8. April, 13. Mai, 10. Juni, 1. Juli. (Schluss), jeweils um 19.30 Uhr.